STRAWALDE + MARK LAMMERT
MEISTERSPIEL
27. Februar – 11. April 2015


Meisterspiel

Matthias Flügge

Zwei Maler, die zwei Generationen entstammen. Strawalde und Mark Lammert sind Künstler, die im Atelier an nichts anderem arbeiten als an der Malerei, es geht um „Farbe und Form in Fläche und Raum“, nicht um gedankliche Konzepte und nicht um die Auseinandersetzung mit dem digitalen Bildersumpf, in dem wir vor dem Versinken stehen. Vielleicht geht es nicht einmal zuerst um „das Bild“. Denn Malerei ist immer auch Objekt und Gegenstand der Anamnese seiner materiellen, visuellen und auch biographischen Voraussetzungen. Ein Vorgang, der einer gewissen Hermetik bedarf. Dieses Unbedingte, bisweilen Autistische ihres malerischen Tuns hat zur Voraussetzung, dass sie die direkte Begegnung mit der sogenannten Wirklichkeit auf anderen Feldern suchen und finden: Lammert auf der Theaterbühne, wo er mit Farbe durch den Raum ein Bild der Handlung erzeugt, Strawalde als der Regisseur Jürgen Böttcher, der in filmischer Handlung ein Bild des Raumes schafft, des realen wie des mentalen und des gesellschaftlichen. Beide sind sie eminent politische und intellektuell teilnehmende wie reflektierende Menschen, die gerade deshalb als Künstler ihr Werk freihalten von Bekenntnissen wie von Metaphern. Die Arbeit selbst ist Metapher und Bekenntnis genug.
Und doch kann man beide vom Werk her gesehen nicht wirklich vergleichen. Strawalde arbeitet gleichsam eruptiv an seinen Gemälden und Papierarbeiten, Mark Lammert hingegen prozesshaft, Strawalde sucht die Überraschung, die Synästhesien zu Musik und Natur, das immer wieder Einmalige der Erfindung und er kehrt sein Innerstes nach außen, vor allem dann, wenn er Malerei als Performance betreibt. Auch Mark Lammert hat ein enges Verhältnis zum Film. Und er vergewissert sich der Kunst- und Bildgeschichte, der physischen wie psychischen Materialität der Farbe und beobachtet malend wie zeichnend das Phänomen des Verschwindens von Figur und Körper. Doch ein pictor doctus ist er nicht. Seine Bilder sind im mehrfachen Sinne serielle Untersuchungen, künstlerische Feststellungen von Wahrnehmungszusammenhängen im Dialog mit wissenschaftlichen Methoden. In einem unserer Gespräche beschreibt er es so: „Wenn man sich entscheidet, in einer Serie zu arbeiten, muss die Konzentration für eine sehr lange Zeit ausreichen. Diese Konzentration ist der Inhalt, der Versuch, in der Malerei ein Konzentrationsvolumen herzustellen, wie es vielleicht in der Zeichnung noch möglich ist. Die Bilder entstehen in einem kausalen Nebeneinander. Und wenn du ein Jahr gearbeitet hast, siehst du nur, dass du noch drei Jahre brauchst, und wenn du drei Jahre gearbeitet hast, siehst du, du brauchst noch sieben Jahre. (…) Das Ziel ist das jeweils einzelne Bild. Aber je mehr man macht, umso deutlicher sieht man, dass die Dinge entweichen. Es geht darum, das Sinnliche oder besser das Haptische mit der Intention im Gleichgewicht zu halten. Das ist doch einer der wenigen Gründe, aus denen man überhaupt malen muss.“

Hingegen Strawalde hat sein Credo, als wir vor einem seiner Bilder standen, so beschrieben: „Das Bild ist für mich wie ein Kaleidoskop von tausenden Farben, die man in der Natur schon als Kind gesehen hat, von Grüns, von Blumen, Maiblumen, Glockenblumen auf einer Wiese – wie im Rausch empfindet man die Welt in ihrem Reichtum. Nicht im Sinne einer Hierarchie, sondern alles im Nebeneinander. Und wenn einem dann so ein Bild gelingt, dann merkt man, dass man das alles drin hat. Das geht bis an die Wurzeln zurück. Wenn man dann assoziativ die Verbindung zur Kindheit herstellt, dann kommt ein ahnungsvoller Genuss, ein Gesamtklang heraus. Und man muss auch bedenken, dass so ein Alter von 80 Jahren ein unendlicher Aufstieg und zugleich Abstieg ist – beides. Die Tatsache, dass man lebt, die ist ja nicht zu leugnen, aber die Wahrheit ist, dass man eigentlich nicht so ganz in der Lage ist, sich damit ins Benehmen zu setzen. Man hält es eigentlich nur aus, wenn man nicht sehr daran denkt, weil es im Grunde viel zu geheimnisvoll ist. Es ist ein so strenger Auftrag, den man da, ohne gefragt worden zu sein, übernommen hat, dass man sich nur wundert, wenn die meisten Menschen auf der Straße herumlaufen, als sei das völlig in Ordnung…“

Vielleicht wird schon in diesen kurzen Auszügen deutlich, wie es um den jeweiligen Berührungszusammenhang von Intention und Resultat bei diesen Künstlern bestellt ist – und um ihren „strengen Auftrag“.

Meisterspiel
Matthias Flügge

Two painters from two different generations. Strawalde and Mark Lammert are artists who devote their work in the studio exclusively to painting, pursuing “colour and form within surface and space”, not intellectual concepts or the exploration of the digital swamp of images in which we threaten to sink. Perhaps their primary concern is not even with “the image”, as painting is always both the subject and object of the anamnesis of its material, visual as well as biographical preconditions. A process that necessitates a certain hermeticism. This categorical, occasionally autistic character of their work as painters, requires that they seek out and find a direct engagement with so-called reality in other fields. Lammert in the theatre, where he traces a dramaturgical picture in colour within the space of the stage; Strawalde as the director Jürgen Böttcher who generates a picture of space, both real, mental and social, within the medium of film. Both are eminently political and intellectually engaged, as well as reflective people, who for precisely this reason keep their work as artists free from avowals and metaphors. The work itself is enough of a metaphor and proclamation.
However, in terms of their work, it is not really possible to compare them. Strawalde works quasi eruptive on his paintings and paper works, in contrast Mark Lammert is processual. Strawalde looks for the surprise, the synaesthesia with music and nature, the ever new of discovery, turning his inner world outwards, above all when pursuing painting as performance. Mark Lammert also has an intimate relationship to film. He is firmly rooted in the history of art and image, the physical and psychological materiality of colour, observing, both in his paintings and drawings, the phenomenon of the disappearance of figure and body. However, he is not a pictor doctus. In many senses his pictures are serial examinations, artistic statements of perceptual relationships in dialogue with scientific methods. In one of our conversations he described it as follows: “When one decides to work in series, then you have to remain concentrated for a very long time. This concentration is the content, the attempt to create a volume of concentration in painting which is perhaps still possible in drawing. The pictures emerge in a causal parallelism. And when you have worked for a year all you see is that you need another three years, and when you have worked three years you see that you need another seven years. (…) The goal is each individual picture. However, the more you do, the clearer you see that things elude you. It is about maintaining a balance between the sensuous, or more accurately the haptic, and the intention. This is one of the few reasons why one should paint at all.”
In contrast, standing together in front of one of his pictures, Strawalde described his credo as follows: “For me the picture is a kaleidoscope of thousands of colours which you have already seen in nature as a child, of greens, of flowers, mayflowers, bellflowers on a meadow – as if in a state of intoxication you sense the world in all its richness. Not in the sense of a hierarchy, but of everything side by side. And when you succeed in creating such a picture, then you realise that you have captured all of this. This extends back to the roots. When you succeed in establishing an associative connection to childhood, then a knowing pleasure, a total sound emerges. And you also have to consider that a life of 80 years is an endless assent, and at the same time a descent – both at once. The fact that one lives, this can’t be denied, however the truth is that one is not really in a position to enter into contact with it. One can only really stand it by not thinking about it too much, as in principle it is far too mysterious. It is such a demanding task which one has assumed, without being asked, that one is amazed that the majority of people walk about the streets as if it wasn’t a problem…”

Maybe these short excerpts serve to clarify the character of the relationship between intention and result for these two artists – and their “demanding task”.